Samstag, 09. November 2019 08:16 Uhr

Anleitung zum fröhlichen Verrücktsein: Ingo Börchers mit Kabarett-Doppel-Programm am Städtischen Gymnasium Steinheim

Steinheim (red). Kabarett hoch zwei: Ingo Börchers führte am 31. Oktober 2019 nachmittags Schülerinnen und Schüler in einem Kabarett-Workshop in die Welt des Kabaretts ein und zeigte abends sein aktuelles Programm „Ferien auf Sagrotan“. Dies war der Auftakt des Projektes „Aula auf – Kultur rein: Kabarettisten in der Schule“, in dem ab jetzt regelmäßig jährlich solch eine Doppelveranstaltung in der Aula des Steinheimer Schulzentrums angeboten werden soll. Das Projekt, das für das SGS von Michael Volmer initiiert wurde, wird unterstützt von den Fachschaften Deutsch und Politik / Sozialwissenschaften am SGS. Damit soll auch die Steinheimer Aula als Veranstaltungsort noch mehr bekannt gemacht werden.

Die Veranstaltung wurde organisiert von Olaf Menne von der Agentur Lautstrom aus Paderborn in Kooperation mit Michael Volmer vom Städtischen Gymnasium Steinheim. Im Deutsch- und Politikunterricht hatten sich die anwesenden Schülerinnen der Jahrgangstufen 9 – 12 (9, EF, Q1 und Q2) auf die Darstellungsmittel, die Wirkung und die gesellschaftliche Bedeutung von Kabarett und Satire vorbereitet. Ingo Börchers präsentierte zunächst Ausschnitte aus seinen Programmen „Wissen auf Rädern“, „Die Welt ist eine Google“ und „Ferien auf Sagrotan“. Zu Beginn äußerte sich der Kabarettist über Steinheim, deren Homepage er zur eigenen Vorbereitung gesucht und besucht habe. Dort habe er folgenden Satz gefunden: „Die Stadt Steinheim liegt […] im Nordwesten des Kreises Höxter […] am östlichen Rand des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen“. Das sei zwar gut recherchiert und eine Aussage, der man schwer widersprechen könne, aber es gehe auch noch kreativer. Die Stadt Kaiserslautern begrüße etwa die Gäste ihrer Internetseite mit: „Wer uns findet, findet uns gut.“

Ingo Börchers hinterfragte auch kritisch die Vorratsdatenspeicherung und den sorglosen Umgang mit eigenen Daten: „Millionen von Facebook-Nutzern posten, dass sie Angst um ihre Privatsphäre haben.“ Nicht nur hier frage er sich, ob überhaupt noch jemand irgendetwas merke. Danach konnten die Teilnehmer in einem Werkstattgespräch Fragen rund um das Kabarett und den Beruf des Kabarettisten stellen. Außerdem zeigte er Videoausschnitte vom Kabarettlied „Deutschlehrer“ von Sebastian Krämer, und von Kabarettstücken von Carolin Kebekus und Anny Hartmann. Anschließend unterhielten sich der Kabarettist Ingo Börchers und der Deutsch- und Theaterlehrer Michael Volmer jeweils über die Wirkung der Kabarettnummern. Zum Abschluss riet Börchers den Anwesenden noch, sie sollten einfach mal etwas Verrücktes und Unerwartetes tun, zum Beispiel mit Burger-King-Krone als Gruppe laut singend in eine McDonald's-Filiale marschieren, zu einem Angestellten sagen: „Guten Tag, wir haben hier einen Tisch bestellt.“ und einfach mal abwarten, was passiert. Den Schülerinnen und Schülern gefiel die unterhaltsame und lehrreiche Veranstaltung richtig gut. Ingo Börchers zeigte sich nach der Veranstaltung im Gespräch sogar hoch erfreut über den niedrigen Altersdurchschnitt in der Aula: „So ein junges Publikum hatte ich schon lange nicht mehr.“ 

Das Ziel des Projektes „Aula auf – Kultur rein: Kabarettisten in der Schule“, Schüler für das Kabarett begeistern, eine sonst eher erwachsene Kultursparte, scheint also erreicht worden zu sein. Schulaulen können das kulturelle Angebot in der Region bereichern. Das möchte die Agentur Lautstrom, welche seit 2003 als Künstleragentur fungiert, Veranstaltungen wie die Warburger Kabarettnächte oder das Frühlingsfest Paderborn plant und Projekte wie die "Kulturvereinigung OWL" leitet, mit dem Projekt „Aula auf - Kultur rein!“ beweisen. „Die Bühnen und technischen Gegebenheiten in modernen Schulaulen sind teilweise besser als in manchen Theatern und Kulturzentren. Es ist schade, dass die Räume häufig nur für Schulveranstaltungen genutzt werden und das kulturelle Potential der Räume nicht genutzt wird“, erklärt Kulturmanager Olaf Menne die Intention des Projekts.

Abends präsentierte Ingo Börchers sein aktuelles Programm. Ingo Börchers wurde 1973 geboren. Er machte am Kreisgymnasium Halle Abitur und erlernte anschließend Tanz, Schauspiel und Pantomime. 2004 wurde er mit dem deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet. Heute lebt er in Bielefeld und tourt mit eigenen Programmen. Als Moderator der WDR-Kabarettnächte ist er regelmäßig in Radio und Fernsehen zu erleben. In seinem Kabarett-Programm „Ferien auf Sagrotan“ stellte er sich in Steinheim den einhundert Zuschauern in der Aula vor, er komme aus Bielefeld, und stellte gleich klar, das liege nicht im Rheinland: „Wenn ich 'Karneval' höre, denke ich nicht an 'Die Hände zum Himmel und lasst uns fröhlich sein', wenn ich 'Karneval' höre, denke ich als Erstes an Tröpfcheninfektion.“ In diesem Sinne brachte er „Keimfreies Kabarett“ mit nach Steinheim. In seinem Programm "Ferien auf Sagrotan" thematisierte er Hygiene und Hypochondrie und das Geschäft mit der Gesundheit, reinigte dabei seine Hände mit einem Handdesinfektionsmittel und sprühte zwischendurch mit einer Sagrotan-Flasche. Keimfreiheit laute das Gebot der Stunde, im Krankenhaus und in der Pflege, am Geldautomaten und in der Politik.

Aber es geht ihm noch um viel mehr, nämlich um Ursachen und Wirkungen, Neben- und Wechselwirkungen des Lebens. Gekonnt, intelligent, wortgewandt und teilweise mit hohem Tempo behandelte er lustige und auch ernste Themen. Nach den Ereignissen in Halle müsse man sich etwa wieder die Frage stellen, was uns wichtiger sei, Freiheit oder Sicherheit. Die Gesellschaft heute verlange Unmögliches, Freiheit und Sicherheit, Wirkung ohne Nebenwirkung, sie wolle zum Beispiel alt werden, aber nicht alt sein. Aber das Leben habe eben Nebenwirkungen. Am Ende applaudierte das Publikum begeistert und Ingo Börchers ging nicht ohne eine Zugabe und einige kabarettistische Outtakes von der Bühne.

Fotos: Maria Föcking, Michael Volmer

Top 5 Nachrichten der Woche
Sag's deinen Freunden:
zum Anfang
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.